Baumkultur - Kulturbaum

Traditionelles Kulturgut


Kein Baum ist so eng verbunden mit den Menschen wie die Weide. Nicht nur als Baumaterial für Häuser und Stallungen wurde sie viele Jahrhunderte genutzt, sondern auch viele Gebrauchsgegenstände für den Alltag wurden aus ihr hergestellt. Vorrats- und Transportkörbe, Särge und Kinderwiegen, Möbel und Werkzeugstiele sowie Fanggeräte für den Fisch- und Krabbenfang wurden mit den biegsamen Ruten gefertigt. Zäune aus Weide waren wichtige Abgrenzungen für die Viehhaltung, aber auch als Viehfutter wurde sie in den Wintermonaten benutzt.

Bis in die 1950er Jahre hinein standen im Wurster Watt, hier an der Nordseeküste, bis zu 1500 Krabbenreusen, die vielen Landwirtsfamilien ein Zubrot ermöglichten. Man kann fast sagen: Fast auf jedem Hof in der Wurster Marsch gab es Menschen, die Krabbenreusen aus Weiden flechten konnten. Für die Weidenbäume bedeutete das eine permanente Ernte in den Wintermonaten, aber auch eine selektive Auslese durch die Steckholzvermehrung. Die Weiden wurden auf ihre Biegsamkeit und ihr Längenwachstum hin ausgewählt und dementsprechend weitervermehrt. Heute ist an der Wurster Nordseeküste der Reusenkrabbenfang ausgestorben. Erhard Djuren ist der einzige Krabbenreusenfischer, der diese Technik noch beherrscht und regelmäßig die Nordseekrabbe (Granat) mit den Weidenkörben fängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier zeigt E. Djuren den Zusammenbau der Reuse, die aus zwei Teilen besteht,

dem Fangkorb und der Höfke.

"Mythologisches" und "Heilendes" rund um den Weidenbaum

Die vom Menschen erzogenen Kopfbäume sind landschaftsprägend an der Wurster Nordseeküste. Ihre Gestalt ist in den nebelverhangenen Herbst- und Wintermonaten sehr mystisch anzusehen. Viele Sagen und Mythen ranken sich um den Weidenbaum. So haben Demeter (Göttin des Wachstums) und Persephone (Todesgöttin) in den Weiden ihre Heimstatt, etliche Baumnymphen sollen während der Beltanezeit in ihnen tanzen und seit alters her gilt die Weide als Mittlerin zwischen Leben und Tod.

Im Altertum war die Weide schon als Heilmittel bekannt, Hyppokrates, Plinius, Paracelsus und die heilige Hildegard von Bingen wussten um die vielseitige Wirkung und setzten sie zur Heilung ein.

Auch heute noch werden Gürtelrose und Feigwarze besprochen und in die hohlen Weidenbäume gebannt. Über diese "Spökenkiekerei" spricht man nicht, sondern sucht einfach die Hilfe der Frauen und Männer auf, die das Besprechen noch durchführen.


Die Inhaltsstoffe der Weide haben unterschiedliche heilende Wirkungen. Am bekanntesten ist sicherlich das Salycin, welches heute in synthetischer Form als Aspirin auf dem Markt ist. Aber auch Wurzelauszüge aus bestimmten Weidenarten helfen die Anzahl der roten Blutkörperchen zu erhöhen und werden bei Erkrankungen wie Leukämie eingesetzt. Die Bachblüte "Willow" hilft Menschen, die sich mit Veränderungen in ihrem Leben auseinander setzen müssen, ihren Weg zu finden. In manch einer indianischen Tradition werden Schwitzhütten aus den Weidenstangen gebaut, auch Redestäbe (Talking Sticks) sind Bestandteil vieler Rituale und werden aus der Weide hergestellt. Der russische Weidensegen

Werde groß wie die Weide

Stark wie das Wasser

und reich wie die Erde


wird gesprochen wenn aus Kindern Jugendliche werden. Selbst in Teilen der Kirchen wird dieser Segnungsbrauch fortgeführt. Es gibt unzählige Bräuche weltweit, die mit der Weide verknüpft sind.

Botanisches und Ökologisches


Weiden haben eine enorme Spannbreite innerhalb ihrer Wachstumsamplitude. Von den 0,02 cm im Jahr wachsenden Alpinen bis hin zum 35 Meter hohen Baum findet man alle Vertreter. Weiden sind zweihäusig, das bedeutet die Geschlechter sind getrennt auf den Pflanzen zu finden. "Weiblein" und "Männlein" tragen Kätzchen in unterschiedlichster Farbigkeit und Ausprägung. Die mattenbildende pinkfarbene "Hylematica" ist sicherlich die beeindruckendste der alpinen Arten. Weiden sind weltweit verbreitet, innerhalb Europas sind 15 Arten angesiedelt. Nicht immer ist ihre Bestimmung einfach, da sich alle Weiden miteinander und untereinander vermischen, wie schon Goethe sagte: "Ein lotterhaftes Geschlecht".

Weiden sind Lebensgrundlage für eine erheblich große Anzahl von Tieren: Als Nahrungsquelle, zur Aufzucht der Jungen, als Überwinterungsmöglichkeit sowie als Sing- und Jagdwarte werden die Weiden von den Tieren benutzt. Besonders die Insektenarten sind mit 2500 verschiedenen Gruppierungen direkt bzw. indirekt mit den Weiden verbunden, das reicht von der Honigbiene bis zu Schwebfliegen, Wanzen, Käfern. Bei den Säugetieren finden wir Haselmaus, Siebenschläfer aber auch Fledermäuse und nicht zuletzt den Biber, der sich über acht Monate im Jahr nur von der Weidenrinde ernährt.

Aufgrund dieser Besiedlungsdichte der Weidenbäume könnte man sagen, dass es sich bei dem Weidenbaum um ein ökologisches Wunderwerk handelt. Gerade die Kopfbäume, die vom Menschen erzogen worden sind, tragen durch ihre Hohlraumbildung zur dieser erheblichen Besiedlungsdichte bei.